Der WeltRisikoBericht
Jedes Jahr leiden weltweit Millionen Menschen unter Katastrophen infolge extremer Naturereignisse. Aber ob Erdbeben, Stürme oder Überschwemmungen, das Risiko, dass sich ein Naturereignis zur Katastrophe entwickelt, ist immer nur zum Teil von der Stärke des Naturereignisses selbst abhängig. Denn ebenso entscheidend sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Strukturen, im Katastrophenfall schnell zu reagieren und zu helfen. Je fragiler das Infrastrukturnetz, je höher beispielsweise das Ausmaß extremer Armut und Ungleichheit ist und je schlechter der Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem, desto verwundbarer ist die Gesellschaft gegenüber Naturereignissen. Extreme Naturereignisse können nicht direkt verhindert werden, aber Länder können durch die Bekämpfung von Armut und Hunger, durch die Stärkung von Bildung und Gesundheit und durch das Ergreifen von Vorsorgemaßnahmen das Katastrophenrisiko reduzieren. Wer erdbebensicher baut, Frühwarnsysteme installiert und nutzt und in den Klima- und Umweltschutz investiert, ist besser gewappnet gegen extreme Naturereignisse.
Die jährlich erscheinenden Ausgaben fokussieren sich auf ein Schwerpunktthema und enthalten den WeltRisikoIndex. Seit 2018 wird der Bericht in Kooperation mit dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum herausgegeben. Der WeltRisikoBericht soll einen Beitrag dazu leisten, dass die Zusammenhänge zwischen Naturereignissen, Klimawandel, Entwicklung und Vorsorge auf globaler Ebene betrachtet und zukunftsorientierte Schlussfolgerungen für Hilfsmaßnahmen, Politik und Berichterstattung gezogen werden.
Fokus 2026: Stürme
Stürme gehören zu den folgenreichsten und kostspieligsten Naturgefahren. Bei den wirtschaftlichen Schäden übertreffen sie jedes andere wetterbedingte Extremereignis, und nach Erdbeben und Extremtemperaturen fordern sie die meisten Menschenleben. Der WeltRisikoBericht 2026 fragt deshalb: Warum wird derselbe Sturm in einem Land zur Katastrophe, während seine Folgen anderswo begrenzt bleiben? Die Antwort liegt selten allein im Wind. Zwar werden Wirbelstürme weltweit nicht häufiger, aber intensiver, und immer öfter legen sie kurz vor der Küste schlagartig an Kraft zu. So schrumpft das Zeitfenster, in dem Menschen gewarnt werden und Schutz suchen können. Die meisten Menschenleben fordert dabei nicht der Wind, sondern das Wasser aus Sturmfluten und Überschwemmungen. Doch ob aus einem Sturm eine Katastrophe wird, entscheidet vor allem die gesellschaftliche Verwundbarkeit. Dieselbe Windstärke trifft in armen Ländern und rasch wachsenden Küstenstädten auf mehr Menschen, schwächere Gebäude und weniger Schutz. Drei Ansätze rücken in den Mittelpunkt:
Frühwarnsysteme retten nur dann Leben, wenn sie alle erreichen. Zu oft richten sie sich allein nach der Windstärke und übersehen jene, die die Sprache nicht sprechen, schlecht zu Fuß sind oder keinen sicheren Schutzraum haben.
Wirksame Warnung setzt an den Menschen an, nicht nur an der Gefahr.
Soziale Sicherungssysteme knüpfen meist an Armut an, nicht an Gefährdung. So bleiben gerade die Schutzbedürftigsten oft ohne Absicherung. Wo der Staat fehlt, tragen informelle Netzwerke wie Nachbarschaftshilfe die Menschen durch die Krise, stoßen bei großen Stürmen aber rasch an ihre Grenzen. Formelle und informelle Sicherung sind keine Gegensätze, sondern müssen sich ergänzen.
Rücküberweisungen von Migrant:innen übertreffen weltweit sogar die offizielle Nothilfe. Nach Stürmen fließen sie schnell und direkt, bleiben in der Katastrophenpolitik aber weitgehend unbeachtet. Zugleich erreichen sie nur Haushalte mit Angehörigen im Ausland und können so bestehende Ungleichheiten verschärfen.
Die Botschaft des Berichts ist zugleich eine Handlungsaufforderung. Ob ein Sturm zur Katastrophe wird, ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Verwundbarkeit lässt sich verringern. Schutz ist erst dann Schutz, wenn er niemanden ausschließt.
Philippinen – Verwüstung nach dem Supertaifun Haiyan in Tacloban | © Erik de Castro / Reuters
WeltRisikoIndex
Der WeltRisikoIndex gibt das Katastrophenrisiko durch extreme Naturereignisse und negative Klimawandelfolgen für 193 Länder der Welt an. Berechnet wird er pro Land als das geometrische Mittel von Exposition und Vulnerabilität. Die Exposition steht für die Gefährdung der Bevölkerung durch Erdbeben, Tsunamis, Küsten- und Flussüberschwemmungen, Wirbelstürme, Dürren und den Meeresspiegelanstieg. Die Vulnerabilität bildet den gesellschaftlichen Bereich ab und setzt sich aus drei Dimensionen zusammen:
- Anfälligkeit beschreibt strukturelle Eigenschaften und Rahmenbedingungen einer Gesellschaft, welche die allgemeine Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Bevölkerungen durch extreme Naturereignisse Schäden erleiden und in eine Katastrophenlage gelangen.
- Bewältigung beinhaltet verschiedene Fähigkeiten und Maßnahmen von Gesellschaften, negative Auswirkungen von Naturgefahren und Klimawandel durch direkte Handlungen und zur Verfügung stehender Ressourcen in Form formeller oder informeller Aktivitäten zu begegnen und Schäden im direkten Nachgang an ein Ereignis minimieren zu können.
- Anpassung bezieht sich im Gegensatz zu den Bewältigungskapazitäten auf langfristige Prozesse und Strategien, die antizipative Veränderungen in gesellschaftlichen Strukturen und Systemen erreichen sollen, um zukünftigen, negativen Auswirkungen zu begegnen, sie abzumildern oder gezielt zu umgehen
Das Grundmodell des WeltRisikoIndex mit seinem modularen Aufbau wurde gemeinsam mit dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) entwickelt. Seit 2018 hat das Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum die Berechnung übernommen und das Modell kontinuierlich konzeptionell und methodisch weiterentwickelt. Seit dem Jahr 2022 erscheint der WeltRisikoIndex mit einem vollständig überarbeiteten Modell, das 100 Indikatoren aus weltweit verfügbaren und öffentlich zugänglichen Datenbanken enthält. Erstmalig wurden alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen abgebildet. Der WeltRisikoIndex dient unter anderem dazu, Entscheidungsträger:innen eine schnelle Orientierung zu bieten und Handlungsfelder für die Katastrophenvorsorge sichtbar zu machen.
Download und Themen der WeltRisikoBerichte
Weltkarten 2026
Auf Wunsch stellen wir Ihnen gerne weitere Grafiken aus dem Bericht zur Verfügung.
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