Der WeltRisikoBericht


Wie hängt das Katastrophenrisiko eines Landes mit der gesellschaftlichen Situation zusammen? Welchen Einfluss haben Faktoren wie Regierungsführung, Qualität des öffentlichen Gesundheitssystems, Umweltsituation und Bildungsniveau auf die Gefährdung eines Landes durch Naturkatastrophen?

Der WeltRisikoBericht versucht, Antworten auf diese Fragen zu geben. Der WeltRisikoBericht enthält WeltRisikoIndex, der gemeinsam von Bündnis Entwicklung Hilft und dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) entwickelt wurde. Der Index gibt für 171 Länder weltweit das Risiko an, Opfer einer Katastrophe in Folge von extremen Naturereignissen zu werden.

Risiko im Wandel


Menschen waren bisher selten direkte Auslöser extremer Naturereignisse. Durch ihre Eingriffe in die Natur haben sie aber das Gefährdungspotenzial massiv erhöht. Die Zerstörung von Mangrovenwäldern und Korallenriffen, etwa vor den Küsten Südostasiens, hat den Schutz gegenüber Flutwellen und Überschwemmungen reduziert. Die Rodung von Bergwäldern verstärkt die Bodenerosion und somit, wie etwa in Pakistan, das Ausmaß von Überschwemmungen. Der Klimawandel und das gehäufte Auftreten von „Klimaextremen“ verschärfen dauerhaft die Gefährdungslage und erhöhen die Verwundbarkeit von Gesellschaften.

Der Risikobegriff der WeltRisikoBerichte basiert nicht allein auf der Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Naturgefahren und ihrer Stärke, sondern berücksichtigt ebenso die Lebensverhältnisse der Menschen und das Entwicklungsstadium der Gesellschaft. Prävention und die Möglichkeiten, schnell zu reagieren und zu helfen, entscheiden darüber, ob aus extremen Naturereignissen Katastrophen werden. Der WeltRisikoIndex als Bestandteil der Berichte baut auf diesem differenzierten Katastrophenverständnis auf und berechnet das Risiko für 171 Länder weltweit aus der Multiplikation von Gefährdung und Vulnerabilität. Dadurch wird eine Erweiterung der Risikobewertung erreicht. 2017 wird mit dem vorliegenden Bericht eine Fünfjahresanalyse der Berichte 2012 bis 2016 vorgelegt und die Weiterentwicklung des WeltRisikoIndex vorbereitet.

Grundsätzlich gilt für das Risiko aller Länder: Eine Nation, die über ausreichend finanzielle Mittel sowie über funktionierende staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen verfügt, die wiederkehrenden Naturereignissen mit einer lernfähigen Strategie begegnet und die bereit ist, in die Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen wie Wetter- und Klimaextreme zu investieren, wird von extremen Naturereignissen weniger hart getroffen.


Humanitäre Logistik bis zur „letzten Meile“

Grafik in 3 Schritten

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WeltRisikoIndex


Im WeltRisikoIndex wird das Risiko für 171 Länder weltweit auf Basis der folgenden vier Komponenten berechnet:

  • Gefährdung/Exposition gegenüber Naturgefahren wie Erdbeben, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Dürren und Meeresspiegelanstieg 

  • Anfälligkeit in Abhängigkeit von Infrastruktur, Ernährung, Wohnsituation und ökonomischen Rahmenbedingungen 

  • Bewältigungskapazitäten in Abhängigkeit von Regierungsführung, Vorsorge und Frühwarnung, medizinischer Versorgung, sozialer und materieller Absicherung
  • Anpassungskapazitäten bezogen auf kommende Naturereignisse, auf den Klimawandel und andere Herausforderungen.

Das Konzept des WeltRisikoIndex mit seinem modularen Aufbau wurde von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis gemeinsam entwickelt. Die Berechnung des Index erfolgt über weltweit verfügbare Datensätze. Den Bezugsrahmen bilden die Nationalstaaten. Der WeltRisikoIndex dient der Beantwortung folgender Fragen:

  • Wie wahrscheinlich ist ein extremes Naturereignis und würde es auf Menschen treffen?
  • Wie verwundbar ist die Bevölkerung eines Landes durch die Naturgefahren?
  • Inwieweit können Gesellschaften akute Katastrophen bewältigen? 

  • Trifft die Gesellschaft Vorsorgemaßnahmen gegenüber zukünftig zu erwartenden Naturgefahren?


Die Darstellung mittels des Index und seiner vier Komponenten gibt darauf Antworten und macht sowohl die Probleme als auch die Handlungsfelder sichtbar.


 

Weltkarte des Risikos

Durchschnitt 2012 bis 2016



  • sehr gering
    0,08 - 3,46
  • gering
    3,47 - 5,46
  • mittel
    5,47 - 7,30
  • hoch
    7,31 - 10,39
  • sehr hoch
    10,40 - 36,72
  • keine Daten

Berechnung des Risikos


Der WeltRisikoIndex und seine Komponenten

Themenübersicht


Logistik, Infrastruktur und Risikoanalyse

Marode Verkehrswege, unsichere Stromnetze, baufällige Gebäude: Bei extremen Naturereignissen können fragile Infrastrukturen schwerwiegende Folgen haben, denn sie stellen eine direkte Gefahr für die Bevölkerung dar. Zudem verzögern sie die effektive Selbsthilfe der Betroffenen und behindern humanitäre Hilfe lokaler oder ausländischer Akteure. Die Schwierigkeiten bei Hilfslieferungen liegen meist auf der „letzten Meile“ der Logistikkette: den Transport trotz zerstörter Straßen oder Brücken zu organisieren und bei Knappheit von zum Beispiel Wasser, Essen und Obdach eine gerechte Verteilung zu gewährleisten.

Internet oder Mobiltelefone, aber auch neuere Instrumente wie Drohnen oder 3 D-Drucker können die humanitäre Logistik unterstützen – wenn sie nicht selbst durch den Zusammenbruch der Stromversorgung gestört sind. Unabhängig von technischen Lösungen bleiben jedoch viele Herausforderungen bestehen: etwa die Stärkung der Selbsthilfe, die Koordination zwischen beteiligten Akteuren, die Nutzung lokaler Ressourcen sowie die kontrovers diskutierte Zusammenarbeit mit Privatwirtschaft und Militär.

Ernährungssicherheit und Risikobewertung

Katastrophen können verheerende Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit in einem Land haben – nicht nur kurzfristig, sondern auch noch lange nach ihrem Eintreten. Sie zerstören Ernten, Vorräte und Transportwege und damit vor allem die Lebensgrundlage derjenigen, die von der Landwirtschaft abhängig sind. Doch auch der umgekehrte Zusammenhang besteht: Extreme Naturereignisse werden nicht selten deshalb zu Katastrophen, weil die betroffene Bevölkerung durch eine schlechte Ernährungssituation besonders verwundbar ist. Im schlimmsten Fall führt die Verflechtung von Katastrophen und Ernährungsunsicherheit zu einer fatalen Abwärtsspirale, in der die betroffenen Menschen von einer Krise in die nächste geraten. In einer Welt ohne Hunger würde es somit auch weniger Katastrophen geben.

Urbanisierung – Trends und Risikobewertung

Urbanisierung ist einer der Mega-Trends unserer Zeit – und als solcher mit einer ungeheuren Vielschichtigkeit verbunden. Während in den Industrieländern unter der Zugkraft der Städte vor allem die ländlichen Regionen leiden, stellt ein massives urbanes Bevölkerungswachstum die Metropolen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern vor große Herausforderungen. Denn nicht selten wächst eine Stadt schneller als die Behörden mit geeigneten Anpassungsmaßnahmen auf das Wachstum reagieren können. Die Folge: Slums entstehen, in denen die Bewohner als Städter ohne Bürgerrechte leben und um schlecht bezahlte Arbeitsplätze und ein knappes Nahrungsangebot konkurrieren. Sie sind besonders verwundbar gegenüber Naturgefahren. Aber Urbanisierung wirkt sich nicht ausschließlich negativ auf die Verwundbarkeit aus, sie kann auch neue Möglichkeiten für die Stärkung der Bewältigung und Anpassung schaffen. Anlässlich des Schwerpunktthemas Risikoraum Stadt weist der WeltRisikoBericht 2014 das Katastrophenrisiko auch gesondert für urbane Räume aus.

Risiko bewerten, Verwundbarkeit verringern

Egal ob Dürre, Wirbelsturm, Erdbeben oder Überschwemmung: Wenn ein extremes Naturereignis ein Dorf oder eine Stadt trifft, hängt die Verwundbarkeit der Gesellschaft maßgeblich vom Gesundheitszustand der Bevölkerung und von der medizinischen Versorgung und ihrer Funktion in Krisen- und Katastrophensituationen ab. Doch in Zeiten der globalen Finanzkrise werden die Gesundheitssysteme weltweit noch stärker ökonomischen Prinzipien unterworfen. Unter den Spar- und Privatisierungsmaßnahmen leiden besonders oft Menschen mit einer ohnehin schon inakzeptablen Vulnerabilität gegenüber Naturgefahren. Andersherum können extreme Naturereignisse direkte gesundheitliche Probleme wie Herz- und Kreislaufprobleme verursachen und zu einer Zunahme und Ausbreitung von Krankheitsüberträgern beitragen. Ein umfassender Ansatz zur Stärkung der Gesundheitssysteme und -versorgung im Rahmen der globalen Nachhaltigkeitsagenda ist daher sowohl zur Katastrophenprävention, als auch Bewältigung unabdingbar.

Katastrophenrisiko, Umweltzerstörung und globale Nachhaltigkeitspolitik

Katastrophen können beträchtliche Auswirkungen auf die Umwelt haben und Schäden für Ökosysteme verursachen. So können Wirbelstürme tausende Bäume entreißen und Korallenriffe zerstören, oder Überschwemmungen zu Erosionsprozessen beitragen und den Oberboden schädigen. Auf der anderen Seite erhöht die Zerstörung der Umwelt und ihrer natürlichen Schutzfunktionen, durchgeführt vor allem aufgrund von wirtschaftlichen Interessen, das Risiko von Katastrophen infolge extremer Naturereignisse. Überflutete Küstendörfer und weggespülte Strände, deren natürlicher Schutzgürtel aus Mangroven abgeholzt wurde, sind nur einzelne Beispiele unter vielen. Nach wie vor finden die Wechselwirkungen zwischen Umweltzerstörung und Katastrophen noch zu wenig Beachtung in Politik und Wissenschaft. Umweltschutz sowie ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt sollten von der lokalen bis zur globalen Ebene gestärkt werden und aktiv in die Katastrophenvorsorge eingebunden werden.

Regierungsführung und Zivilgesellschaft

Der Mensch kann nur bedingt beeinflussen ob und mit welcher Intensität extreme Naturereignisse auftreten. Mit ihrer Regierungsführung in der Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung können Staaten jedoch das Ausmaß einer Katastrophe maßgeblich beeinflussen. Insbesondere Staaten mit einer schwachen Regierungsführung sind häufig nicht in der Lage konsequente Strategien und Maßnahmen umzusetzen und Mechanismen in Stand zu halten, um das Katastrophenrisiko zu reduzieren. Die Verwundbarkeit der Bevölkerung gegenüber extremen Naturereignissen ist entsprechend groß. In der komplexen Wechselbeziehung zwischen Regierungsführung und Katastrophen kann die Zivilgesellschaft Einflussmöglichkeiten ausüben, indem sie zum Beispiel verantwortungsbewusstes und effektives staatliches Handeln einfordert und Initiativen zur Reduzierung des Katastrophenrisikos umsetzt.

Expertinnen und Experten zum Thema Logistik und Infrastruktur

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